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Titelstory

„Wir müssen ein gemeinsames Interesse an Heimat haben“

Dr. Stefan Gärtner vom Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen sprach mit dem NRW MANAGER darüber, wie das NRW der Zukunft aussehen könnte und wie wir seine Herausforderungen meistern können.

Bild oben: Quo vadis, NRW? Wir haben einen Experten befragt.
Der Blick in die Glaskugel ist na­turgemäß et­was sch­wierig. Be­son­ders in Zeit­en, in de­nen wir fast täglich mit fun­da­men­tal­en Ereig­nis­sen kon­fron­tiert wer­den, von de­nen nie­mand so ge­nau weiß, welche Auswirkun­gen sie haben wer­den: Ter­rorge­fahr und Sicher­heit­spol­i­tik, Brex­it, Flüchtlingswelle, Präsi­dentschaftswah­lkampf in den USA, Er­do­gans Um­bau der Türkei. Wir haben es den­noch ver­sucht und ei­nen Ex­perten zu NRW be­fragt: Dr. Ste­fan Gärt­n­er, Di­rek­tor des Forschungssch­w­er­punktes Raumkap­i­tal am In­sti­tut Ar­beit und Tech­nik in Gelsenkirchen.

NR­WM: Herr Dr. Gärt­n­er, fan­gen wir mit Ihrem ei­ge­nen Forschungs­ge­bi­et an: Wie wird sich der „Raum“ Nor­drhein-West­falen Ihr­er Mei­n­ung nach in den näch­sten Jahrzeh­n­ten en­twick­eln?

Ste­fan Gärt­n­er: Es wird eine Ur­ban­isierung und gleichzeitig eine De­sur­ban­isierung geben. Heißt: Während die Bevölkerungs­dichte in Kern­städten wie Köln, Düs­sel­dorf, Es­sen oder Dort­mund weit­er zuneh­men wird, kommt es zu ein­er Ab­wan­derung in den ländlicheren Ge­bi­eten und in Teilen des Ruhrge­bi­ets. Konzepte, wie wir durch den Struk­tur­wan­del freige­wor­dene Flächen nutzen, wer­den weit­er­en­twick­elt und umge­set­zt. Neue emis­sion­sarme Pro­duk­tionsver­fahren wie zum Beispiel 3-D-Druck, aber auch eine Nach­frage nach lokalen hand­w­erk­lich hergestell­ten Pro­duk­ten bi­etet Chan­cen, Ar­beit­en, Pro­duk­tion und Woh­nen wied­er en­ger zusam­men­zubrin­gen. Allerd­ings wird durch die Dig­i­tal­isierung der sta­tionäre Einzel­han­del zurück­ge­hen. In die­sem Zusam­men­hang stellt sich die Frage, was zukünftig auch ökonomisch die Rolle von Stadt ist und wie wir diese Flächen nutzen wollen.

NR­WM: Wird sich auch die Art und Weise, wie wir uns durch die­sen Raum be­we­gen, verän­dern?

Ste­fan Gärt­n­er: Ja, auf je­den Fall. Während vor allem in den Bal­lungs­räu­men die Be­deu­tung des Au­tos ab­neh­men wird, wer­den an­dere Mo­bil­ität­skonzepte noch wichtiger: der öf­fentliche Nahverkehr, Car-Shar­ing, selbst fahrende Fahrzeuge und vor allem das Fahr­rad in allen denk­baren For­men: als E-Bike, als Las­ten­fahr­rad, als 80er-Jahre-Ren­n­rad, als Sta­tussym­bol. Diese Verkehrsträger müssen sin­n­voll mitei­nan­der verknüpft wer­den. Außer­dem wird es im­mer weniger ruhen­den Verkehr wie park­ende Au­tos geben. Da­durch wird zusät­zlich Platz frei.

NR­WM: Wofür soll dies­er neue Platz genutzt wer­den?

Ste­fan Gärt­n­er: Vor allem für eine bessere Leben­squal­ität und Freizeit­möglichkeit­en der Men­schen. Es wird mehr Ge­mein­schaft­s­räume und Grün­flächen geben, wo sich Men­schen tr­ef­fen, aus­tauschen, krea­tiv betäti­gen und er­holen kön­nen. Solche Flächen kön­nen auch wirtschaftlich genutzt wer­den, in­dem dort et­wa En­ergiepflanzen ange­baut wer­den, die zum Beispiel in Bio­gasan­la­gen ver­w­ertet wer­den und so die Pflege von Grün­flächen mit­fi­nanzieren. Auch Ar­beit­s­plätze kön­nen für die­sen Bereich geschaf­fen wer­den. Denk­bar ist eben­so, dass man diese Flächen für die lokale Land­wirtschaft bzw. den An­bau von Lebens­mit­teln nutzt. Das passiert ja bere­its in An­sätzen: In Köln et­wa kann man heute schon Wein kon­su­mieren, der in der Stadt ange­baut wird. Es ist quasi eine Weit­er­en­twick­lung eines in NRW be­währten Konzeptes – des Schre­ber­gartens.

NR­WM: Was, glauben Sie, welche Branchen im Nor­drhein-West­falen der Zukunft eine Rolle spielen wer­den?

Ste­fan Gärt­n­er: Natür­lich wird sich der Di­en­stleis­tungssek­tor weit­er­en­twick­eln, insbe­son­dere die Ge­sund­heitswirtschaft wird auf­grund der al­tern­den Ge­sellschaft und des stei­gen­den Ge­sund­heits­be­wusst­seins eine promi­nente Stel­lung ein­neh­men. Auch wenn der Di­en­stleis­tungssek­tor weit­erwach­sen wird – NRW ist und bleibt auch ein In­dus­trie­land, und diese Kom­bi­na­tion soll­ten wir sin­n­voll nutzen. Die chemische In­dus­trie wird weit­er eine große Rolle spielen, eben­so der Maschi­nen- und An­la­gen­bau und die Umwelt- und En­ergi­etech­nik. Meine Vi­sion ist, dass en­ergiein­ten­sive In­dus­trien und erneuer­bare En­ergien kei­nen Wider­spruch darstellen, im Ge­gen­teil. Wenn wir es schaf­fen, beide Bereiche durch eine grüne In­dus­trie­pol­i­tik ef­fizient mitei­nan­der zu verzah­nen, kön­nte NRW eine Vor­reit­er­rolle bei der En­ergiewirtschaft ein­neh­men.

NR­WM: In­wie­fern wird NRW noch mit der Flüchtlingswelle zu tun haben?

Ste­fan Gärt­n­er: Ich glaube, dass der Flüchtlingsstrom nach NRW nicht abebben wird. Heute kann fast jed­er Men­sch weltweit mit den gängi­gen Kom­mu­nika­tions­mit­teln se­hen, was Frei­heit, Demokratie und Wohl­s­tand be­deuten – Werte, die wir hi­er leben. Dabei wer­den Umwelt­flüchtlinge übri­gens eine wesentlich größere Rolle spielen als Kriegs­flüchtlinge, denn der Kli­mawan­del wird viele Re­gio­nen auf der Welt un­be­wohn­bar machen. Flüchtlinge wer­den in die Städte kom­men, weil es hi­er viele Ar­beits­möglichkeit­en gibt. Vor allem das Ruhrge­bi­et ist auf­grund des gün­sti­gen Woh­n­raums und der Tat­sache, dass bere­its viele ihr­er Lan­dleute dort leben, in­teres­sant für sie. Neben den Her­aus­forderun­gen, die ge­nan­n­ten Flächen­potenziale zu nutzen und ge­sellschaftliche Un­gleich­heit­en in der Re­gion abzubauen, wer­den wir in NRW al­so ein gutes In­te­gra­tion­skonzept brauchen. Nicht nur für die hi­er bere­its leben­den Mi­gran­ten, son­dern auch für die neu hinzuk­om­men­den Flüchtlinge. NRW kann hi­er zei­gen, wie so et­was funk­tionieren kann – ähn­lich wie bei der En­ergiewirtschaft.

NR­WM: Wie kann NRW diese enor­men Her­aus­forderun­gen meis­tern?

Ste­fan Gärt­n­er: In­dem alle noch en­ger zusam­me­nar­beit­en – Wirtschaft, Wis­sen­schaft, Pol­i­tik und Zivilge­sellschaft. Die ge­nan­n­ten Her­aus­forderun­gen kön­nen ja auch ein Ka­talysa­tor dafür sein. Wir müssen mehr Funk­tio­nen ver­netzen und ge­sellschaftliche sowie ökonomische Teil­habe er­möglichen. Im Ruhrge­bi­et et­wa hat es in dies­er Hin­sicht ja bere­its Fortschritte gegeben, zum Beispiel durch den Re­gio­n­alver­band Ruhr und das Ruhr­par­la­ment. Wir müssen die Fron­ten au­flösen zwischen Nach­haltigkeit, Leben­squal­ität und In­dus­trie. Denn wenn NRW gut in der Zukunft aufgestellt sein will, müssen wir Ar­beit­s­plätze hal­ten und schaf­fen und gleichzeitig eine sozial in­te­gra­tive und leben­sw­erte mul­ti­kul­turelle Umwelt haben. Das wird NRW aus­machen. Wir müssen ein ge­mein­sames In­teresse an Hei­mat haben.

NR­WM: Herr Dr. Gärt­n­er, her­zlichen Dank für diese Ein­schätzung.

Tho­mas Cor­rinth I re­dak­tion@n­rw-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 2016



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Quo vadis, NRW? Wir haben einen Experten befragt.
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Dr. Stefan Gärtner ist Direktor des Forschungsschwerpunktes „Raumkapital“ am Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen.
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