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Titelstory

70 Jahre wirtschaftlicher Wandel

Die Wirtschaftsgeschichte der letzten 70 Jahre führte NRW weg von Kohle und Stahl, hin zu wirtschaftlicher Vielfalt.

Bild oben: Wirtschaftsminister Garrelt Duin im Dortmunder Fußballtempel (Foto: Wirtschaftsministerium NRW)
„70 Jahre Nor­drhein-West­falen – das ist auch eine Geschichte wirtschaftlich­er Verän­derun­gen. Die Men­schen in die­sem Land wis­sen, wie sich Struk­turen wan­deln und wie sie es schaf­fen, Um­brüche zu be­wälti­gen. Lange nach ein­er von Koh­le und Stahl geprägten Zeit zeich­net sich die Wirtschaft des Lan­des heute vor allem durch eines aus: Viel­falt. So haben wir blühende Konz­erne ge­nau­so wie ei­nen in­no­va­tiv­en Mit­tel­s­tand und eine wach­sende Grün­der­szene“, be­w­ertet Gar­relt Duin, Min­is­ter für Wirtschaft, En­ergie, In­dus­trie, Mit­tel­s­tand und Hand­w­erk des Lan­des Nor­drhein-West­falen, die Si­t­u­a­tion sieben Jahrzeh­nte nach Grün­dung des Bun­des­lan­des. Der Min­is­ter analysiert nicht ohne Stolz: „Hid­den Cham­pi­ons und Un­terneh­men von Wel­trang haben hi­er ihren Sitz. Süd­west­falen und Os­t­west­falen-Lippe flo­ri­eren, das Mün­ster­land hat prak­tisch Vollbeschäf­ti­gung er­reicht und die Wirtschaft an der Ruhr wächst über­durch­sch­nittlich. Wach­sende Steuerein­nah­men sind eben­so Aus­druck der pos­i­tiv­en En­twick­lung wie die stei­gende Beschäf­ti­gung: Noch nie hat­ten in NRW so viele Men­schen Ar­beit wie heute.“ Statis­tiken zei­gen: Nor­drhein-West­falen ist das wirtschaftlich stärk­ste Land der Bun­des­re­pub­lik mit einem Brut­toin­land­spro­dukt von na­hezu 650 Mil­liar­den Eu­ro. Als ei­gen­ständi­ger Staat würde das Land un­ter den größten Wirtschaft­s­na­tio­nen an 19. Stelle ste­hen. Der Weg zu ein­er solchen Bi­lanz und zu einem mod­er­nen und vielfältig aufgestell­ten Wirtschafts­s­tan­dort ver­lief aber nicht im­mer gradlinig. Die sieben Jahrzeh­nte alte Geschichte des Bun­des­lan­des bein­hal­tet auch die Zeit­en von kriegsz­er­störter In­fras­truk­tur und die be­son­deren Her­aus­forderun­gen des Struk­tur­wan­dels: Wo einst rauchende Schlote und graue Zechen­sied­lun­gen das Bild der wirtschaftlichen Kern­re­gion Deutsch­lands do­minierten, en­twick­elt sich durch krea­tive Un­terneh­menss­trate­gien, durch den Ein­satz neuer Tech­nolo­gien und durch die dy­namische An­pas­sung von Pro­duk­tionsbe­din­gun­gen eine hoch­mod­erne In­dus­tri­ere­gion.

Bochum als „hand­festes“ Beispiel

Wirtschaftsminister Garrelt Duin im Dortmunder Fußballtempel (Foto: Wirtschaftsministerium NRW)
Wirtschafts­min­is­ter Gar­relt Duin im Dort­mun­der Fußball­tem­pel (Fo­to: Wirtschafts­min­is­teri­um NRW)

Der Blick zurück soll nicht an Düs­sel­dorf und Köln fest­ge­macht wer­den, auch nicht an Dort­mund und Biele­feld, Mün­ster oder Sie­gen. Bochum ste­ht als „hand­festes“ Beispiel im Fokus unser­er Be­trach­tung, wenn das Bun­des­land in seinem Quer­sch­nitt beleuchtet wird. Natür­lich ist die En­twick­lung der Metropolen am Rhein nicht mit der des Ruhrge­bi­ets iden­tisch. In einem Bun­des­land, das quasi als Syn­onym für Koh­le und Stahl, Mal­oche und vielfälti­gen Wan­del ste­ht, ist Bochum markant – auch durch die Lage im Raum: Die Stadt liegt dem ge­o­gra­fischen Mit­telpunkt des Lan­des sehr na­he.
1945 war diese Stadt „tief im West­en“ durch die Luf­tan­griffe der let­zten Kriegs­jahre weit­ge­hend zer­stört. Die wirtschaftlichen Grund­la­gen waren be­dro­ht, die großen Werkan­la­gen des Bochumer Vereins und der Edel­s­tahl­w­erke sowie viele weitere Un­terneh­men stan­den auf der De­mon­tageliste; die Werk­tore blieben geschlossen. Nur der Berg­bau in den Vororten bot Lohn und Brot. „Den­noch waren die Bochumer zum Wied­er­auf­bau ihr­er Stadt, mit der sie sich ver­bun­den fühl­ten, zu deren Geschichte sie sich bekan­n­ten, entschlossen. Sie tat­en es in dem Be­wusst­sein, dass in ge­mein­samer Ar­beit die Grund­la­gen für ein neues Leben in der Stadt geschaf­fen wer­den kön­n­te“, for­mulierte einst, ganz im Stile der Zeit, der da­ma­lige Stadtarchi­var Hel­muth Croon.
Zehn Jahre nach dem Ende von Krieg und De­mon­tage war Bochum wied­er Stadt der Koh­le und des Eisens: Zechen und Groß­be­triebe der Eisen- und Stah­lin­dus­trie prägten erneut das Bild. Doch die Hoff­nung auf lange währen­den Wohl­s­tand er­füllte sich nicht: Erdöl und Erd­gas drängten die Steinkoh­le allmäh­lich in den Hin­ter­grund und der Ruhrkoh­len­berg­bau, der 1957 noch ein Reko­rdergeb­nis er­wirtschaftet hatte, geri­et bere­its am Ende des Jahrzeh­nts im­mer tie­fer in die roten Zahlen. Seit 1973 gibt es in der einst „zechen­reich­sten Stadt des Ruhrge­bi­et­s“ kei­nen Berg­bau mehr. Um Ar­beit­s­plätze zu sich­ern und Lebens­grund­la­gen für die Men­schen zu schaf­fen, mussten an­dere Er­werb­squellen er­schlossen, der Struk­tur­wan­del ge­fun­den wer­den. Der wohl wichtig­ste Schritt auf die­sem Weg: Opel – und damit das da­mals mod­ern­ste Au­to­mo­bil­w­erk Eu­ro­pas. Das größte in­dus­trielle Bau­vorhaben des Konti­nents ver­wan­delte das Gelände der still­gelegten Zeche Dan­nen­baum, Struk­tur­wan­del quasi zum An­fassen. 1962 lief der neue Kadett vom Band. Ein Meilen­stein des Wan­dels, der mittler­weile schon längst wied­er den näch­sten Schritt er­lebt hat: Opel gibt es in Bochum schon seit 2015 nicht mehr. Mit der Werkssch­ließung en­dete das ein­stige Vorzeige­pro­jekt des Struk­tur­wan­dels an der Ruhr, machte und macht aber an­deren Tech­nolo­gien Platz und ste­ht für Verän­derung und Auf­bruch. „MARK 51°7“ heißt das rie­sige Are­al heute, hi­er ist Platz für ein Forschungszen­trum der Ruhr-Uni­ver­sität, für ein Me­ga-Paketzen­trum von DHL und viele an­dere un­terneh­merische Betä­ti­gun­gen. Die Bochumer und das Land setzen auch auf weitere High­tech-Un­terneh­men und auf Zukunft.

Sch­nitt­punkt der wichti­gen Verkehrs­routen

Ministerpräsidentin Kraft mit Schornsteinfeger-Gratulation zum 70. NRW-Geburtstag (Foto: Staatskanzlei NRW / Ralph Sondermann© Land NRW)
Min­is­ter­präsi­dentin Kraft mit Schorn­ste­in­feger-Gra­t­u­la­tion zum 70. NRW-Ge­burt­s­tag (Fo­to: Staat­skan­zlei NRW / Ralph Son­der­mann© Land NRW)


Eine gute Zukunft haben auch die an­deren Re­gio­nen des Lan­des im Blick: Sie en­twick­eln hoch­w­ertige Gewer­be­flächen und gute In­fras­truk­tur und kön­nen mit qual­i­fizierten Ar­beit­skräften Stan­dortvorteile erar­beit­en: Im Umkreis von 500 Kilome­tern um die Lan­de­shaupt­s­tadt Düs­sel­dorf leben 140 Mil­lio­nen Men­schen – das ent­spricht fast 30 Prozent der Ver­brauch­er der Eu­ropäischen Union. Durch seine ho­he Bevölkerungszahl und seine zen­trale Lage in Eu­ro­pa ist Nor­drhein-West­falen Eu­ro­pas größter Ab­satz- und Beschaf­fungs­markt. Han­del­sun­terneh­men aus den großen In­ve­s­toren­län­dern USA, Frankreich, Großbri­tan­nien, Nied­er­lande und Ja­pan nutzen die­s­es Sprung­brett eben­so wie krea­tive und in­no­va­tive Un­terneh­men mit tra­di­tion­s­reichen Wurzeln, aber auch Start-ups. Für neues Know-how sor­gen viele Forschungsstät­ten. In kein­er an­deren Re­gion Eu­ro­pas gibt es so viele wis­sen­schaftliche Ein­rich­tun­gen auf so en­gem Raum. Dazu zählen u.a. 67 Hoch­schulen, 14 In­sti­tute der Fraun­hofer-Ge­sellschaft, 12 Max-Planck-In­sti­tute und et­wa 100 an den Hoch­schulen an­ge­siedelte Forschungsin­sti­tute. Die Hoch­schulen in NRW bil­den derzeit 490.000 Studierende aus, NRW ver­fügt mit in­ter­na­tio­nalen Flughäfen, einem dicht­en Netz an Schie­nen, Au­to­bah­nen, Bun­des- und Land­s­traßen und 120 Häfen über eine exzel­lente In­fras­truk­tur. Hi­er kreuzen sich die Nord-Süd-Achse zwischen Süd­west­eng­land und Nordi­talien sowie die West-Ost-Achse zwischen Rot­ter­dam und den dy­namischen Län­dern Os­teu­ro­pas und damit die bei­den großen eu­ropäischen Verkehrs­routen.

Neues Gesicht für All­t­ag und Ar­beit

Ehemaliges Opelwerk in Bochum
Ehe­ma­liges Opel­w­erk in Bochum

Auch mit dies­er guten verkehr­lichen An­bin­dung hat NRW seine starke wirtschaftliche Po­si­tion über die Jahrzeh­nte aus­ge­baut. Dabei ließ sich das Land auch nicht von den Her­aus­forderun­gen des Struk­tur­wan­dels brem­sen. Der gab NRW ein neues Gesicht, verän­derte den All­t­ag und die Ar­beit. Auf ehe­ma­li­gen In­dus­trie­flächen ent­s­tan­den neue Gewerbe- und Di­en­stleis­tungs­parks eben­so wie Grün­der- und Tech­nolo­giezen­tren. Mit mehr als sechs Mil­lio­nen Er­werb­stäti­gen ar­beit­en heute et­wa dop­pelt so viele Men­schen im Di­en­stleis­tungssek­tor wie 1970. Im sel­ben Zei­traum hat sich die Zahl der Beschäftigten im Pro­duk­tionssek­tor na­hezu hal­biert: Nur noch 2,1 Mil­lio­nen Men­schen sind heute in die­sem Wirtschafts­bereich tätig. Doch nicht nur die Größen­ver­hält­nisse der Sek­toren haben sich verän­dert – die ver­schie­de­nen Wirtschafts­bereiche greifen auch im­mer stärk­er in­ei­nan­der. Pro­duk­tions- und pro­dukt­be­zo­gene Di­en­stleis­tun­gen sind etabliert, Ar­beits­bereiche wie De­sign, En­twick­lung, War­tung und Ent­sor­gung verän­dern Struk­turen und Bi­lanzen.

„Einzi­gartig ist uns­er Land“

Biomedizinpark Bochum
Biomediz­in­park Bochum

Nor­drhein-West­falen hatte 2014 mit einem Ex­portvol­u­men von 181 Mil­liar­den Eu­ro ei­nen An­teil von 15,9 Prozent am deutschen Ex­port. Chemische Erzeug­nisse, Maschi­nen, Me­t­alle, Kraft­wa­gen und Kraft­wa­gen­teile ge­hören zu den wichtig­sten Haup­taus­fuhrgütern. Das Land an Rhein und Ruhr ist auch der wichtig­ste In­vesti­tions­s­tan­dort in Deutsch­land. Ein Drit­tel aller aus­ländischen Di­rekt­in­vesti­tio­nen (FDI) fließen hi­er­her und über 18.000 in­ter­na­tio­nale Un­terneh­men sind hi­er an­säs­sig. Grund­lage ist aber der gute Mix und die mit­tel­ständische Struk­tur. Was Nor­drhein-West­falen aus sei­nen al­ten In­dus­trie­land­schaften ge­macht hat und macht, wird von Ex­perten im­mer wied­er gelobt und kopiert. Aus al­ten Zechen und der In­dus­triev­er­gan­gen­heit wer­den im­mer wied­er auch neue Wirtschafts­s­tan­dorte, aber auch In­fras­truk­tur und „weiche“ Stan­dort­fak­toren: The­ater­spielorte der Ruhr­trien­nale ent­ste­hen, Stahl­w­erke weichen Freizeit­seen wie dem Phoenix-See in Dort­mund. Aber auch im größten Bun­des­land kön­nte vie­les auch noch bess­er ge­macht wer­den. Davon sind Wirtschaftsver­bände, Parteien und Ökono­men überzeugt. So ap­pel­liert die Lan­desvereini­gung der Un­terneh­mensver­bände im Vor­feld des an­ste­hen­den Wahl­jahres, die An­stren­gun­gen noch ein­mal zu in­ten­sivieren, um dem Land den Platz zu geben, der ihm ge­bührt. Deut­lich ge­macht wird dabei die her­vor­ra­gende Aus­gangs­lage. „Einzi­gartig ist uns­er Land, wenn wir uns seine in­dus­trielle Ba­sis an­schauen. Nor­drhein-West­falen hat die ge­samte Wertschöp­fungs­kette zu bi­eten – von der En­ergiewirtschaft über die Grund­stoff- und Zulie­ferin­dus­trie bis hin zu weltweit er­fol­greichen End­pro­duzen­ten. Das ist ein Allein­stel­lungs­merk­mal“, ist der Ver­band überzeugt.

Rein­hold Häken | re­dak­tion@n­rw-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 2016



WEITERE INHALTE

Das Dortmunder Stahlwerk Phoenix-Ost bei der Stillegung 2001 (Foto: Stadt Dortmund)
Das Dortmunder Stahlwerk Phoenix-Ost bei der Stillegung 2001 (Foto: Stadt Dortmund)
Der Phoenix-See heute (Foto: Stadt Dortmund)
Der Phoenix-See heute (Foto: Stadt Dortmund)